Vielfältig sind die Beziehungen der Christen zu ihrem Heiligen Land. So stand dieser schmale Landstrich zwischen dem Mittelmeer und dem Fluss Jordan über Jahrhunderte unter christlicher Kontrolle. Nicht zu vergleichen aber mit der über tausendjährigen islamischen Herrschaft zwischen 632 n. Chr. und 1918, nur von dem fast 200 Jahre währenden Kreuzfahrerstaat unterbrochen.
Einzelne Orte – vor allem Jerusalem – waren von Anbeginn des Christentums begehrte Wallfahrtsorte und sind es auch all die Jahrhunderte hindurch geblieben. Die Mutter des ersten christlichen römischen Kaisers, Konstantin, war eine der ersten prominenten Wallfahrerinnen ins Heilige Land. Und sie wurde auch fündig: das Kreuz Christi sowie sein Grab, heute erhebt sich darüber die Grabeskirche.
Die Einstellung der Christen gegenüber den Juden – vor allem durch einzelne Textstellen im Matthäus-Evangelium beeinflusst – war sehr feindselig: „ Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ So die Heilige Schrift! Dieser religiöse Antisemitismus war sowohl bei Katholiken als auch durchwegs bei deutschen Protestanten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestimmend.
Im 16. Jahrhundert entstand aber in England und Schottland eine neue radikale Richtung im Protestantismus, die Puritaner (die „Reinen“), die sich nach der Übersetzung der Bibel in ihre Landessprache und der Erfindung des Buchdruckes vor allem auf das Alte Testament, die hebräische Bibel, stützten, da diese voller Prophezeiungen sowie strikter Vorschriften für eine fromme Lebensweise ist.
Die Puritaner betrachteten sich als die erwarteten Erben des Bundes Abrahams mit Gott. Sie predigten eine schlichte und fromme Lebensweise, plädierten für eine Basisdemokratie – allerdings nur für Männer -, bezeugten das Recht einer höchst persönlichen Suche nach Gott, forderten religiöse Freiheit für jedermann – auch für Juden – und wanderten zuhauf nach Nordamerika aus, in das neue Gelobte Land.
Daraus entstanden dann die vielen Freikirchen – Presbyterianer, Baptisten, Methodisten, Adventisten, Pfingstbewegung sowie freikirchliche Einzelgemeinden, die unter dem Sammelbegriff „Evangelikale“ zusammen gefasst wurden. Es gibt aber keine evangelikale Kirche!
Die einzelnen Freikirchen schlossen sich zudem zu machtvollen Netzwerken zusammen, die nicht nur dazu dienten bzw. dienen, in ihrem Sinne auf die amerikanische Gesetzgebung Einfluss zu nehmen, sondern auch um langfristige Ziele wie die Errichtung eines Gottesstaates in den USA zu verfolgen.
Allein für die USA werden ungefähr 80 Millionen Evangelikale ausgewiesen. Dies entspricht ungefähr 25 Prozent der amerikanischen Bevölkerung. Ein durchaus machtvoller Wählerblock, der dann zu 80 Prozent die Konservativen unterstützt.
Und so erwarten die Evangelikalen innbrünstig – und zwar wiederum ungefähr 80 Prozent davon – die Wiederkunft des Messias, Jesus, sowie seinen siegreichen Endkampf, das Armageddon, mit dem Satan, der oftmals mit dem Islam gleichgesetzt wird, um ein tausend Jahre währendes Reich mit einem allgemeinen Frieden zwischen allen Völkern der Welt einzuleiten.
Die Mormonen, die weltweit ungefähr 20 Millionen Gläubige zählen und in Utah sogar einen eigenen US-Bundesstaat beherrschen, trieben dann den Wahn von den USA als das von Gott gesegnete Gelobte Land auf die Spitze, indem sie in ihrer Bibel, dem Buch Mormon, das Armageddon sowie andere biblische Orte wie beispielsweise das Paradies nach Nordamerika transferierten.
Die jeweiligen Endzeiterwartungen fußen auf den vielen Prophezeiungen in der hebräischen Bibel, für Christen das Alte Testament, wie auch auf Textstellen im Johannes – Evangelium. In der Genesis der hebräischen Bibel wird aber das Gebiet ziemlich genau umrissen, das den Juden untertan sein muss, damit diese Prophezeiungen erfüllt werden können. Es reicht nämlich von einem Fluss in Ägypten, vielleicht dem Nil, bis zum Euphrat. Dies wurde auch vom derzeitigen amerikanischen Botschafter in Israel, einem evangelikalischen Pastor, in einem Interview im Februar 2026 deutlich bekräftigt.
Der Fahrplan ist daher eindeutig: Mit der Gründung des Staates Israel und der Einwanderung der Juden wurden bereits erste Voraussetzungen für die Wiederkunft Jesus sowie der Bekehrung der Juden zum Christentum geschaffen. Der göttliche Heilsplan findet somit bereits in unseren Tagen seine Erfüllung.
Es vermag daher nicht zu verwundern, dass der Zionismus der Evangelikalen von vielen Juden in Israel heftig akklamiert wird, allerdings nicht bezüglich einer allfälligen Bekehrung zum Christentum.
Diese bedingungslose Unterstützung Israels durch Evangelikale stößt aber auch in Israel selbst auf völliges Unverständnis. So haben die Vertreter der sechs christlichen Konfessionen in der Grabeskirche in Jerusalem in einer gemeinsamen Erklärung den Zionismus der Evangelikalen als eine total zerstörerische Ideologie gebrandmarkt, weil dadurch jegliches Zusammenleben der Muslime mit ihren einheimischen christlichen Mitbürgern, die derzeit ohnehin nicht mehr als zwei Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, sowie mit allen Christen nicht nur erschwert, sondern zusehends zerstört wird. Die christlichen Palästinenser werden von den Evangelikalen auch nicht als wahre Christen angesehen, da sie sich dem göttlichen Heilsplan, der Rückkehr der Juden in ihr Gelobtes Land, entgegen stemmen. Palästinensische Christen sind somit in einer „Dreifachmühle“ verfangen – und zwar zwischen den Evangelikalen, dem israelischem Staat, der alle nicht-jüdischen Bürger des Landes nach den noch immer geltenden osmanisch-muslimischen Religionsgesetzen als Schutzbefohlene behandelt, und den Moslems als ihre Gegner.
Es verbleibt daher nur die düstere Ahnung, dass der allgemeine Frieden im Heiligen Land erst nach dem Armageddon einkehren wird.
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