Diese vielschichtige Frage wird vom renommierten israelischen Historiker Shlomo Sand, emeritiertem Professor an der Universität Tel Aviv, in seinem Buch „ Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand“ ausführlich beleuchtet. Literaturhinweise zu diesem schwierigen Thema sind am Ende dieses Beitrages beigefügt.
Vorweg die Kernfrage: Kann man überhaupt von einem jüdischen Volk sprechen, wenn der Staat Israel Einwanderern aus über 100 Ländern eine Heimstätte bot und immer noch bietet, wenn nur die Mutter eine Jüdin ist? Oder ist „Jude sein“ vielmehr eine Religionszugehörigkeit? Juden können nicht aus dem Judentum austreten. Die Bezeichnung „ohne religiöses Bekenntnis“ ist in Israel unzulässig.
Der Gründungsmythos der Juden beginnt mit dem Patriarchen Abraham, aus der babylonischen Stadt Ur stammend, dem Gott Kanaan, das Gelobte Land, versprach – und zwar im 20. Jhdt. vor unserer Zeitrechnung. Als einziger Beweis hierfür gilt die Hebräische Bibel, die aber nachweislich erst im siebenten bzw. sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verfasst wurde. Und erst seit dieser Zeit existiert Ur als urbanes Zentrum von Babylonien.
Der zweite Gründungsmythos betrifft den Exodus der Juden aus Ägypten unter der Führung des Propheten Moses. Weder die 400 Jahre jüdischen Lebens in Ägypten noch die vierzigjährige Wanderung durch Sinai haben archäologische Spuren hinterlassen. Es erschallten auch keine Posaunen vor Jericho, die ihre Mauern zum Einsturz brachten, da zu dieser Zeit Jericho ein kleines Städtchen ohne jegliche Umfriedung war. Israelische Archäologen sprechen daher von einem allmählichen Einsickern jüdischer Stämme in Kanaan und einem Vermischen mit der einheimischen Bevölkerung.
Als gesichertes archäologisches Wissen gilt auch, dass es keine jüdischen Großreiche unter David oder Salomon gab. Allenfalls ein Stammeskönigtum unter David. Also keine Ställe Salomons und kein salomonischer Tempel wie noch Werner Keller in seinem Welt-Bestseller „Und die Bibel hat doch recht“ eindringlich beschrieben hatte.
Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. durch die Römer kam es auch zu keinerlei Vertreibungen der einheimischen Bevölkerung, die wurde ja für die Produktion und Nahrungsmittelversorgung benötigt, sehr wohl aber zu Massenübertritten zum Christentum. Dies wiederholte sich im siebenten Jahrhundert nach der Eroberung Palästinas durch arabische Stämme. Aber diesmal in Richtung Islam. Erst danach kam es zu verstärkten Auswanderungen –vermutlich christlicher Juden – aus dem Gelobten Land.
Da es auch zu keinerlei Masseneinwanderungen aus dem arabischen Raum kam, stellt sich die natürlich Frage, ob nicht die heutigen Bewohner Palästinas die wahren Juden sind. Sie haben nur die falsche Religion (Islam oder auch Christentum) gewählt.
Woher aber kamen dann die vielen Juden in Nordafrika, die Sepharden in Spanien, die Aschkenasen in Mittel- und Osteuropa, die Juden in Äthiopien usw.?
Sie stammen so gut wie ausschließlich von Massenübertritten zum Judentum, die bis 325 n. Chr., bevor das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich aufstieg, möglich und durchaus Praxis waren. Genanalysen bestätigen dies, denen zufolge die Aschkenasen, aus dem heutigen Italien(!) stammend, in den Norden zogen, große jüdische Gemeinden aufbauten, das Jidische als Sprache des Alltages übernahmen und sich nach ihrer Vertreibung aus dem Rheinlande im 11. Jhdt. über ganz Osteuropa ausbreiteten.
Die Juden als eine festgefügte biologische Ethnie gibt es folglich nicht. Ihre Gründungsmythen wurden von israelischen Historikern und Archäologen völlig zertrümmert. Nichtsdestotrotz hat sich aber in den Jahrzehnten seit der Gründung des Staates Israel 1948 ein jüdisches Volk heraus gebildet. Ein „melting pot“ (Schmelztiegel) wie in den USA. Die israelische Armee ist dann hierfür die ganz große Lehrmeisterin!
Und dieses neue jüdische Volk hat sich auch jegliches Recht auf eine gesicherte Heimstatt in Palästina erkämpft, das ihm durch den Teilungsplan der Vereinten Nationen im Jahr 1947 gewährt wurde. Die Frage ist nur innerhalb welcher Grenzen? In der Hebräischen Bibel, in der Genesis, bestimmt eine Prophezeiung, dass das Gelobte Land, Eretz Israel, von einem Fluss in Ägypten, vielleicht der Nil, bis zum Euphrat im heutigen Irak reichen wird.
Dieses Konzept eines Groß-Israels wird von den extremistischen Mitgliedern der jetzigen Regierung Netanjahu nicht nur aus berechtigten sicherheitspolitischen, sondern vor allem aus religiösen Gründen begierig vertreten. Und es wird zudem vom derzeitigen amerikanischen Botschafter in Israel, Mike Huckabee. einem evangelikalischen Pastor, massiv unterstützt, demzufolge – allerdings nur nach der Auslegung der Christen – die Erfüllung dieser Prophezeiung, das Armagedon, die Wiederkehr von Jesus ankündigt. Zuvor treten aber alle Juden zum Christentum über. Letzteres erhoffen sich nur die Evangelikalen! Darüber können die Juden aber nur lachen.
Dies meint Dr. Kurt Traar

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